KünstlerPhilosoph

Foto: Urs Heinz Aerni

Aktuell


(Corona) Tagebuch

Sonntag, 22. März

Heute beginne ich Tagebuch zu schreiben. Was so allerdings nicht stimmt. Ich notiere ja seit Jahrzehnten dies und das in Notizheften, auf Zetteln und in schön gestalteten Büchern. Im Hinblick darauf, dass aus diesen Notaten irgendwann etwas Verbindlicheres wird. Dass aus einem hingeworfenen poetischen Gedanken, Sprach- oder Lust- bzw. Unlustspiel, aus einer Bagatelle etwas wirklich Dichtes entsteht. Aber nun – die Einträge stehen seit kurzem unversehens unter einem andern Stern. Einem Unstern. 

Unstern? Gibt es nicht ein spätes Klavierstück von Franz Liszt, das so heisst? Ich suche die Noten hervor. Genau! Ein ungemütliches Stück. Fast atonal. Werde mich nachher ans Klavier setzen und es mir vergegenwärtigen. Und überhaupt mich wieder einmal in Liszts späten Klavierstücken umsehen. Nuages gris! Romantische Virtuosität ade!

 

Montag, 23. März

Gestern hab ich die Wohnung nicht verlassen. Bin nicht einmal zum Briefkasten gegangen, um die Sonntagszeitung zu holen. Heute schon. Vier kleine Bücher hat mir Urs in den Kasten gelegt mit dem Vermerk: Auf Wunsch der Verlage. Ich öffne eines der Bücher. Francis Ponge: Der Tisch.

An ihn bin ich, sind Tausende ja nun gefesselt. Wie geht es all jenen, deren Leben kaum erlaubt hat, dass sie sich mit sich selbst befassen? Die jetzt auf einmal nur noch sich haben. Das da draussen gibt es nicht mehr. Nur noch als gespenstische Kulisse.

Wie glücklich kann ich mich schätzen, in meinem Reich eingesperrt zu sein, mit meinen Büchern, dem Klavier, meiner Terrasse, meinen Gedanken. Glücklich? Die liebste Freundin darf ich nicht treffen, weil sie zu jung ist und zu weinen beginnt, wenn sie nur schon aus er Ferne, zwei Kilometer von hier entfernt, an alle möglichen Risiken denkt. Meine Tochter, die in einem Spital arbeitet, darf ich nur von weitem sehen. Immerhin können wir uns von Terrasse zu Terrasse miteinander unterhalten. Und warum treff ich dann doch fast täglich jemanden zum Waldspaziergang? Zora, Anna, Jeanine …

 

Dienstag, 24. März

Ich schlafe viel. Wird ja empfohlen. Wasser trinken, schlafen und warten. Auf Eingebungen. Sie stellen sich allerdings nicht ein. Keine rechte Formulierungslust. Über allem dunkler Tüll. Ich bin schwermütig, schreibt die Liebste, obwohl sie gar keine Zeit hat für Stimmungen. Sie muss ihre Vorlesung per Video aufzeichnen. Samt Mitschnitt der Powerpointfolien in separaten Files. Dann müssen die Videofiles in Flash-Formate überführt werden undund. So versuche ich mir das vorzustellen. Die Ärmste!

Meine Hausärztin ruft mich an. Entschuldigt sich, dass sie mein Dauerrezept noch nicht verlängert hat. Sie hat jetzt andere Sorgen.

Anna schickt ein Filmchen: Ihr Söhnchen zerlacht die Trübnis. Singend und gestikulierend. Alles wird gut. 7000 Erkrankte gestern. 8000 heute.

 

Mittwoch, 25. März

Heute bin ich früh erwacht und schon bevor ich mit dem linken Bein hätte aufstehen können, bin ich missgelaunt. Es bedrückt. Es lastet. Ich zweifle an der Liebe der Liebsten. Ich zweifle an allem. 

Die Rolläden hochfahren, das hilft ein wenig. Was für ein sonniger Tag! Ich geniesse den ersten Kaffee. Und schon werde ich wieder an die Krise erinnert. Jemand schickt mir ein Youtube-Filmchen. Ein Arzt, der alles besser weiss. 

Und wie jeden Morgen: Termine verschieben oder Begegnungen in Skype-Sitzungen umwandeln.  Und wo spazieren heute? Immer öfter trifft man selbst an abgelegenen Orten auf Jogger. Warum müssen die nicht zu Hause bleiben? 

Da kommt mir woher auch immer der Ausdruck Spassgesellschaft in den Sinn. Nun, die wird  jetzt gerade ziemlich relativiert. Auch Influencer spüren das, wie ich gerade lese. Würde ich als junger Mensch diesen Followerblödsinn auch mitmachen? Moment – ich bin ja selber auch auf Instagram. Das ist natürlich ganz was anderes.

Von meiner unmassgeblichen Herbstposition her gesehen hat die Spassgesellschaft wirklichen Hedonismus nicht begriffen. Die Ethik der Freude und des Geniessens, des lustvollen Augenblicks und letztlich des gelingenden Lebens verlangt ganz andere Kompetenzen. Epikur hat die Ataraxia als höchste Lust beschrieben: den Zustand, in dem alle Fragen keine Fragen mehr sind. Aber schon seine bösartigen Nachbarn haben ihn damals missverstanden, vermuteten lediglich Gruppensex in seinem  Garten und üppige Fressorgien. Was die sexuellen Eskapaden betrifft, bin ich nicht informiert, aber was er mit seinen Freunden gegessen hat, ist berichtet worden. Es waren in der Regel einfache Käsebrote.

 

Donnerstag, 26. März

Heute wird meine Tochter 32 Jahre alt. Zusammen feiern dürfen wir nicht. Das holen wir natürlich nach. Wie wir Eingesperrten ja so viel nachzuholen gedenken. Zunächst werden wir aber noch einiges aushalten müssen. Wie schaffen wir das? 

Ich höre, wie Lukas Bärfuss über das Danach sinniert: Es werde nie mehr so sein wie vorher.

An der Spanischen Grippe starben zwischen 1918 und 1920 je nach Rechnung 25 oder sogar 50 Millionen Menschen, hauptsächlich junge. Hat das die Menschheit nachhaltig verändert?

 

Freitag, 27. März

Gestern Abend Pasta und eine Flasche Rioja Vega. Vorgesehen für ein Essen mit einem lieben Menschen. Nun getrunken mit mir selber. 

Die Natur ist unberechenbar. Mir fallen Fragen ein zu unsern Ökologiesorgen – Sorgen, die nur der Mensch hat, der es neuerdings gut meinen will mit den Mitgeschöpfen, denen wir egal sind. Von Engeln mal abgesehen. Irgend so ein Engel hat mir ein Stück Erdbeerkuchen in den Milchkasten gelegt. Milchkasten? Wie heisst diese Einrichtung eigentlich unterdessen? Jedenfalls beginne ich den Tag mit dem Dessert.

Aufgewacht bin ich übrigens heute früh aus einem grandiosen Traum, in dem ich an einem religionskritischen interreligiösen Kongress teilnahm, zusammen mit einem Hippymädchen, das viel klüger war als ich. Vollends gescheitert bin ich, als man erwartete, dass ich auf einer fünfmanualigen Orgel spielen würde, auf einem Instrument, das eigentlich ein Synthesizer war und aussah wie ein heiliger tibetischer Schrein. 

Mittag. Lese beim Kauen von Taralli, die ich vor wenigen Wochen aus Neapel mitgebracht habe, als uns chinesische Viren noch nichts angingen, vermeintlich, lese also zufällig wieder einmal, dass unser Universum von  Dunkler Energie daran gehindert werde auseinanderzufliegen. Ist das Privatuniversum, das ich bin, vielleicht auch von einer dunklen Macht am Auseinanderdriften beschützt und gar nicht so sehr von klärendem Licht? Das müsste dann natürlich auch für dich gelten. Für uns. Wir Unteilbaren: ständig daran zu explodieren; im letzten Moment durch eine expansionsmildernde Instanz gebremst. Wenn auch nicht immer. Inflationen aber sind gefährlich.

Am Nachmittag wieder mal ins Atelier. Es gäbe da viel aufzuräumen. Mir fehlt die Energie, die Frühlingsputzete-Lust. 

Zum zweiten Mal gegen Abend in einem Friedhof spazieren gegangen, heute im Sihlfeld, kürzlich im Friedhof Fluntern. Zu Besuch bei James Joyce und Canetti. Die Friedhofsstille - und die Stille ausserhalb der Friedhofsmauern.

Eine Freundin schickt ein tröstliches Whatsapp. Sie zählt auf, was sie alles an mir schätzt. Jetzt kann ich getrost einschlafen. Fast.

 

Samstag, 28. März

08:35 Uhr. Seit längerer Zeit geh ich wieder einmal selber in einen Laden. Also nur rasch in die Bäckerei bei mir im Haus. Bin der einzige Kunde. Hinterher stell ich fest, dass ich zuviel eingekauft habe. Warum mehrere Gipfeli, Sandwiches für zwei, Linzertörtchen für drei?

Die Morgenstille beglückt mich nicht. Martin Luther hat mal notiert, dass Gott nicht Stille wolle, sondern Tumult. 

11:00 Uhr. Mit Sebastian Foltins Romantische Liebe im Licht neuer Naturphilosophie auf die Terrasse. Dass ich diese Romantik nie recht lassen kann! Und dann noch in so unromantischen  Zeiten. Alle andern Terrassen sind leer. Wo sind all die Familien, die Kinder? Was machen sie in ihren Höhlen?

17:00 Uhr. Da, auf der Nachbarterrasse erscheint Stefan. Er wirft den Grill an. Kinder kommen ans Licht, tummeln sich in der Abendsonne. Unsere nachbarlichen Konversationen dauern länger als sonst. Eine weitere Türe, die ins sogenannte Freie führt, geht auf. Was ich zur Altersdiskriminierung dieser Epidemie meine, ruft jemand. Ich überprüfe meine Patientenverfügung, antworte ich.

18:10 Uhr. Eine junge Frau, mit der ich des öftern über ihre Karriere spreche, schreibt: Ich sollte meine Zukunft planen. Aber die hat keine Wände mehr. 

18:30 Uhr. Warum krieg ich immer am Abend Bauchschmerzen? Besser als Husten und Halsweh. Vielleicht. Und jetzt Spaghetti!

Bauchweh weg!

20.50 Uhr. Orgien der Enthaltsamkeit feiern, schlägt mir jemand vor. Gefällt mir irgendwie, zumal ich ohnehin zur Komplexität von hölzernen Eisen neige. 

21.10 Uhr. J. meint am Telefon, Trump sei intelligent. Ich verliere die Fassung. Bis ich verstehe, was sie meint: Er ist der Spiegel der menschlichen Verfasstheit vor aller Ethik. Das hat was Raffiniertes. Und sie meint, er spiele bewusst auf dieser Klaviatur, während ich glaube, dass er gar nichts bewusst tut (aber was heisst „bewusst“?) – ausser: als radikaler Spieler alles in eine Trump-Show zu verwandeln. Mit Erfolg: Die Zustimmungsrate der Amis steigt.

Diesen Eintrag muss ich streichen. Über Trump will ich eigentlich nichts sagen.

 

Sonntag, 29. März

Vor dem Frühstück schon Netflix. Unorthodox. Die Verfilmung der autobiographischen Erzählung von Deborah Feldmann. Warum lässt mich diese Geschichte nicht los? Erinnerungen an frühe Prägungsversuche? Reminiszenzen tiefer, aber falscher Frömmigkeit? In uns steckt ein unbefreiter Kern blockierender Überzeugungen.

Gott hat zu viel von mir erwartet. Jetzt gehe ich meinen eigenen Weg, sagt Deborah.

Von meinem Arbeitsplatz blicke ich in die Sonntagsruhe hinaus, die sich 

nicht mehr unterscheidet von der Werktagsruhe. Das oft Unerträgliche des Sonntags ist jetzt Alltag. Ein Junge spielt mit sich selber Fussball. Sonst nichts.

Am Nachmittag ein paar ernsthafte Gespräche zur Coronakrise. Nicht über Zahlen, keine Vergleiche mit andern Erkrankungen, sondern über Fragen, mit denen wir uns so oder so auseinandersetzen sollten und die durch Corona vehement aufleuchten: 

Wie stellen wir, zunächst pragmatisch gefragt, ein „Gleichgewicht“ her zwischen Viren, Bakterien, also sogenannten Erregern, die es immer geben wird, und uns Menschen? Etwas umfassender gefragt: Wie stellen wir ein Gleichgewicht her zwischen Natur und zivilisatorischer, also immer auch künstlicher Menschenwelt? Und nochmals anders: Was müssen wir ändern in den Kooperationen und Verflechtungen von Natur, Wirtschaft, Staat, Gesellschaft, Kultur und Individuum? Von aussen gesehen führt das zur Ökologie, von innen gesehen zu einer Neubestimmung von Lebenszufriedenheit, Selbstbestimmung, Geborgenheit und Lebenssinn. 

Am Abend wieder das Romantikbuch zur Hand genommen. Eine wirklich differenzierte Deutung der Liebe. Wir lieben Dinge, Tiere, die Familie, die Freunde, Gott, den Nächsten und uns selbst. Das besondere Wir der romantischen Liebe unterscheidet sich von all diesen Formen. Sie ist eine besondere Art der seelisch-geistig-körperlichen Zugehörigkeit, kann nicht verordnet werden und lebt von einer grundlegenden Sehnsucht nach dem anderen. Sie verwandelt das Individuum und lässt Facetten an ihm aufscheinen, die es allein nicht entwickelt hätte. Die Liebenden vergrössern einander. Falls Sex mit im Spiel ist, ist er mehr als Sex: ist leibliche Poesie der Liebenden. Die leidenschaftliche und geistig-emotionale Intimität ist natürlich eine andere als in der Familien- oder Freundschaftsliebe. Und wie steht es mit der Gottesliebe? Was würde ein Mystiker sagen? Die Liebe zu Gott transformiert mich. Wird auch Gott verwandelt durch diese Liebe?

Die romantische Liebe ist flüchtig. 

Wir hätten es gerne anders. Wenn die Liebe sich nicht in eine Art Freundschaft verwandelt, brauchen wir am Schluss zwei Rechtsanwälte. Wie heisst es in Frischs Biografie: Wir haben einander verkleinert. Warum haben wir immer verkleinert. Ich dich, du mich. Warum hat sich uns alles, was möglich wäre, so verkleinert.

 

Montag, 30. März

Telefonate, Mails, WhatsApps … wie immer. Hauptsächlich aber Verabredungen mit mir selber. Als Alleinlebender habe ich da ja zahlreiche Erfahrungen gemacht, gute und andere. 

Eine Freundin hat heute Geburtstag. Wir feiern ihn nicht. Dumm, dass wir immer noch Körperwesen sind. Mit einigen überflüssigen Körperteilen, zum Beispiel den Weisheitszähnen, dem Blinddarm oder den männlichen Brustwarzen. Ihr Vorhandensein beweist wahrscheinlich, dass alle Menschen zuerst Frauen sind. Es gibt aber ein paar Körperteile, die gerne mit andern zusammen zum Zug kämen. Aufgeschoben!

Und plötzlich bricht die Sonne durch. Sie scheint bekanntlich auf alles, was sich nicht vor ihr versteckt. Auch auf Gräber.

Ich stehe in meinen Imaginationen am Meer und blicke zum Horizont. Dort wäre es, das unerreichbar Nahe (Peter Strasser). Ich denke an den Menschen, mit dem ich mich am meisten verbunden fühle, von dem ich aber unheimlich getrennt bin. 

Liebe – ein Ankommen, ohne je anzukommen.

 

Dienstag, 31. März

Den ersten Kaffee hab ich heute besonders bewusst genossen. Die lieben Morgengrüsse gelesen und erwidert. Mit ein paar Pflanzen geredet. Und sie gewässert, was ihnen wahrscheinlich mehr bringt. 

Die Kirchturmglocke … es muss 11 Uhr sein! Das Läuten kann, da vom reformierten Turm stammend, nicht zum Gedenken an Maria, dieser Komplexität von ewigem Mädchen, Mutter und Himmelskönigin, sein. Wozu also läuten die evangelischen Glocken? Und wer hört sie noch?

Der Flügel im Atelier ist verstimmt. Ich selber auch. Die Lage ist absurd: unrein klingend.

 

Mittwoch, 1. April

Jetzt doppelt soviele Erkrankte wie vor einer Woche. Muss der Tag unbedingt mit solchen Informationen beginnen?

Bin aufgelegt zum Aufräumen. Wie kann man herumliegende Bücher ins Gestell einordnen, wenn dieses schon übervoll ist? 

Meine Tochter will für mich einkaufen gehen. Das kommt mir immer noch seltsam vor, dass ich zu einer Risikogruppe gehöre. Fühle mich jung und gesund, hatte in meinem Leben noch nie eine Grippe, habe weder Herz-, noch Lungenbeschwerden, keine Diabetes. Immun bin ich allerdings nicht gegenüber allem. Zum Beispiel gegen unverzeihliche Formen von Dummheit. Die sind zum Krankwerden. Wenn die sich zur eigenen Dummheit noch dazugesellen …

Menschen sind vorläufig noch sterblich. Rolf erzählt gerade, dass in den letzten vierzehn Tagen drei gute Bekannte gestorben seien, eine 30 jährige, ein 55- und ein 87jähriger. Alle nicht an Corona. Das Verhältnis von uns modernen Abendländern zum Tod … Auch ich betrachte ihn nicht als Freund. Und dass er so oft die Schwachen und Gefährdeten holt. Die Natur ist darwinistisch. Sie beseitigt die nicht optimal Angepassten. Sie ist der Antichrist.

 

Freitag, 3. April

Bin gestern mit der Schnittmenge von eigentlich und uneigentlich nicht zurande gekommen. Konnte deshalb nicht schreiben.

Nochmals Natur: Dass sie ein Wesen hervorbringt, das sein Unwesen mit ihr treibt. Ein Wesen, das sich selber krönt, als hätte es das letzte Wort …

Eine Bekannte, die mit der Telework-Situation nicht zurecht kommt. Angstzustände. Eigentlich ziemlich normal! 

Trotzdem:  Der Schaden, der angerichtet wird durch die Massnahmen gegen den Schaden.

Natürlich imponieren einem die Lebenskünstler. Hansruedi, ein paar Jahre älter als ich, der weiss, was kranksein heissen kann, der fern von Klagen all das Liegengelassene endlich mal aufnehme, wie er sagt, Musikwissenschaftliches, Hölderlin. Der überdies andere alte Menschen freundschaftlich aufmuntert. Ein dankbarer Alleinlebender.

Trotz Tagebuchschreiberei und anderem productivity porn denke ich an die, die wirklich wichtige Arbeit leisten oder Aufreibendem ausgesetzt sind, an die Frauen vorne im Coop, an die  Ärztinnen und Pflegenden, an die gestressten Eltern, die ihre nervenden Kinder am Hals haben, an die Kinder, die ihren überforderten Eltern ausgesetzt sind. Eindrücklich auch, wie durch die Auflösung der üblichen Differenzierung Hilfreiches entsteht: Die Schnapsbrennerei produziert Desinfektionsmittel, Prada 80 000 Schutzanzüge und 110 000 Masken, die übermorgen ausgeliefert werden sollen.

Der Weg ist der Weg, und das Ziel bleibt Ziel.

 

Samstag, 4. April

Immer wieder die Frage, ob man auf die Vernunft des einzelnen setzen soll oder auf sinnvolle Verbote. Bleibt schon deshalb eine Frage, weil wir uns im Zweifelsfall gar nicht einig sind, was Vernunft ist – und was sinnvolle Verbote wären. 

Die Crux, Philosoph zu sein und seine Scheu, sich gegenwartsdiagnostisch zu äussern. 

Auch die Philosophen haben meistens hinterher nicht recht. Der Unterschied von klugen Erwägungen und Meinungen. Täglich schickt mir irgendwer hanebüchene Interpretationen der Ereignisse. Gut, wir haben ein Recht auf eigene dumme Meinungen, aber keines auf eigene Fakten. 

Auch heute zwischendurch das Gefühl, in der Unwirklichkeit eines falschen Films zu sein. Und wie sich dieses Gefühl relativert, wenn ich an die Menschen in „informellen Siedlungen“ – und ich meine nicht Protestcamps oder hedonistische Hüttendörfer, ich meine jene Milliarde, die in Slums lebt - wenn ich an die Situationen dort denke, weit weg, dann bleibt etwas in mir stecken. Oder das Schweigen über den jährlichen Tod von viral infizierten Kindern an den Enden der Welt. Oder …

Dennoch: Nahe wird uns halt der Freund sein, der schwer erkrankt ist, wir werden um die weinen, die wir lieben. Falls noch erlaubt. Ich lese gerade, dass in China mit Bargeld belohnt wird, wer vor dem Krematorium nicht laut weint. 

Nun aber weg vom Trüben. Ich wende mich jetzt dem Büchlein wieder zu, das ich Urs verdanke: Francis Ponge: Der Tisch. Tagebuchartige Eintragungen, seltsam heterogen, hartnäckig, „Partei ergreifen für die Dinge“ will er, eine Art surrealistische Phänomenologie, Ponge kümmere sich um das Sein, meinte Sartre, Physismus, Kosmogonie und andere Hilfsbegriffe, die dem nahekommen wollen, was Ponge tut. Panpsychismus? Materialistische Poetik? Bestelle mir das Büchlein nun noch in der Originalsprache. Vieles ist nicht übersetzbar. 

Vor dem Einschlafen Zeichen von der fernnahen Freundin, die sich gerade gedanklich einkapselt, der Seele auf der Spur. Was eine unserer Hauptaufgaben bleibt.

 

Sonntag,5. April

Ich lese gerade, dass die mit der Blutgruppe, der ich auch angehöre, am meisten gefährdet seien. Ich lege die Zeitung weg.

Abwehrmechanismen wären hilfreich, wenn sie nicht der Wiederbelebung des Verdrängten dienten. Ich denke an die Bekannte, der ich gestern auf meinem Waldspaziergang zufällig begegnete. Sie hat mir erklärt, wie sie sich distanziere von den Problemen; wie sie alles gelesen habe, was zu nichts führe; wie sie alles analysiert habe und nun wisse, wer die Drahtzieher dieses Pseudoproblems seien und wie sich Experten, denen nicht zu trauen sei, aufspielten. Und dann begann sie wieder von vorne.

… sich alles vorstellen, schlimmer, als es ist. Dadurch noch mehr Angst hervorrufen. Gelähmt sein – oder beschleunigt Dummheiten begehen. Und prompt speichert der Körper alles und will bei nächster Gelegenheit, in ähnlichen Situationen, das blockierende Regime übernehmen …

Markus Gabriel bewirkt, dass ich meinen Essay Mehr Metaphysik! nicht zu Ende schreiben muss. „Wir brauchen eine metaphysische Pan-Demie, eine Versammlung aller Völker unter dem uns alle umfassenden Dach des Himmels.“ Danke.

11.15 Uhr: ins Atelier. Was für ein Luxus, dass ich einen Ausflug machen kann, nur wenige hundert Meter entfernt,  an einen Ort, der zusätzlich weitet. Zwei Stunden lang Beethoven gespielt, schlecht und recht, aber so, dass ich subjektiv in seine Objektivität eintauchen konnte. Was für eine Welt, in der Viren sind, Elend, Zerstörung – und Beethoven! hat Jeanine kürzlich ausgerufen. Eine Frage an die Christen, Pantheisten, Atheisten und Mystiker. An die Freundin, die umwerfend Interreligiöse. Bin auf ihre Antwort gespannt.

14.10 Uhr: Lust auf Fisch und Reis. Ich koche mir. Dazu ein Glas apriori, ein wirklich gelungener Wein, in dem sich Petite Arvigne und Humagne rouge harmonisch verbinden. 

17.00 Uhr: Terrasse. Mich ziehts zu Ernst Bloch. Seine Philosophie des Noch-Nicht, an das wir nicht mehr glauben wollen oder können und dessen Sog ich dennoch zugeben muss. Das Wirkliche ist Prozess, geht an seiner prozessualen Front über ins Mögliche, ins noch nicht abgeschlossen Determinerte, um Bloch locker zu zitieren. Es geht darum, uns dem Vor-Schein des unendlichen Grundes von Humanität auszusetzen. Gegen den Schutthaufen des Irrtums. Angezogen vom endlich zu findenden Überhaupt. Denn die menschliche Seele umspannt alles, auch das Drüben, das noch nicht ist.

20:00 Uhr: Zappen …

20:45 Uhr: Komme aus dem Dösen und Dümpeln zurück ins Hier. Esse ein paar Datteln. Anflug von Aufräumlust.

 

23:00 Uhr:  Sinnieren vor dem Einschlafen: Was helfen uns Blochsche und andere quasitheologische Phantasmen?


Die stille Erotik der Melancholie

Erwägungen und Improvisationen

Martin Kunz

 

Gute Kunst lebt nie nur von Regelhaftigkeit, sondern auch von gekonnter Respektlosigkeit.

Mit diesem von Jeanine Osborne illustrierten Buch legt Martin Kunz sechzehn Gelegenheitstexte vor, die zum Innehalten auffordern. Texte, entstanden als Reflexionen am Rande, ausgelöst durch innere oder äußere Anstöße, durch Stolpersteine, seltener auch durch Anfragen oder Aufträge. Diese Betrachtungen wollen zum Unterbrechen verführen, zur Stille, in der es aber gären soll, schäumen, Abbau bewirkend zum Zweck der Energie­gewinnung. Das wäre fruchtbare Melancholie.

 

11/2018 

1. Auflage

Hardcover mit Schutzumschlag

13,5 x 21,5 cm

96 Seiten, Bucher Verlag

ISBN 978-3-99018-476-9


"Nun ist es der Leserschaft zu wünschen, sich der Lektüre anzunehmen, um nicht zuletzt herauszufinden, wie Lyrik und Philosophie, als Staunen über das Denken und Dichten auf der Höhe der Zeit, in Beziehung stehen." schreibt Cornel Köppel in der Besprechung des Buches ‹Honig und Quarz, Lyrik und philosophische Zuspitzungen›. Lesen Sie hier die ganze Rezension...


Das Buch

Martin Kunz lebt als Philosoph, Musiker und Autor in Zürich. Er belegte an der Universität Zürich und an der Freien Universität Berlin die beiden  Hauptfächer Philosophie und Anthropologische Psychologie und promovierte mit einer Arbeit über C.G. Jung. Daneben studierte er  am Konservatorium Zürich und privat Klavier, Orgel und Komposition und besuchte das C.G. Jung –Institut. Es folgten Jahre der therapeutischen und kunstnahen Arbeit. Bis vor kurzem war er Dozent an der Pädagogischen Hochschule in Zürich. Seit 20 Jahren ist er zusammen mit dem Mathematiker und Philosophen Markus Huber unterwegs mit dialogischem Philosophieren im Dienste der Sinnrückgewinnung.

 

Seit 2015 betreibt er das ­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­Atelier für Kunst und Philosophie in Zürich.

Bücher

Honig und Quarz

Martin Kunz

Ausgewählte Gedichte und philosophische Zuspitzungen

 

Collection Entrada (Editiert von Klaus Isele)

978-3-7431-7533-4

Umschlagfoto: Jeanine Osborne, "Bad Tulips"

Martin Kunz und Markus Huber: "Was nicht eins ist, ist auch eins" Ein philosophisches Abendgespräch und andere Dialoge. Mit Illustrationen von Jeanine Osborne und Fotografien aus den 20 Jahren Atelier für Kunst und Philosophie.

 

Presse: Sie können ein Rezensions-Exemplar hier bestellen: makelundlos@web.de

Er über sich

 

Was wollt ihr sonst von mir noch hören

Aus meinem Herbstherz

Voll Pindar / Mahler / Beatles / Beuys?

Was ich gesucht / gefunden habe:

Ein Sträusschen roten Klee

Und etwas Mond

 

Und warum ich trotzdem lache

Weit über den globalen Tellerrand hinaus?

 

Ich muss nicht mehr

Muss nur noch

Was ich muss

 

Wenn ihr (zu Recht) nicht glauben wollt

Dass ich den Willen

meines Schattentiers

Gebrochen

Mirana und wie sie alle heißen mögen

Überwunden habe

Dann geb ich zu:

 

Es geht noch immer um das Eine:

Um Dings

Um gute Weine

Ums Große Sehnen

Nach einer Welt

Die hält